"In Coldrerio soll die Nacht wieder Nacht sein" titelte der „Tages Anzeiger“. Die Tessiner Gemeinde hat ein Reglement erlassen, das die unnötige Abstrahlung von Licht in den Himmel reduzieren soll. Der zuständige SP-Gemeinderat findet zu viel Licht eine Energieverschwendung. Das neue Reglement macht Sinn, schützt die Vögel und senkt erst noch die Ausgaben. Von Coldrerio geht der Bogen zur Stadt Zürich, die als besonders grosser Lichtverschmutzer dargestellt wird. Von der Urania Sternwarte aus sei nur noch der Andromeda-Nebel zu sehen, weil das von der Stadt ausgestrahlte Licht heller als alle Sterne leuchte. Im Kommentar greift der Journalist nach philosophischen Sternen. Nur die Himmelslichter seien für die geistige Reifung des Menschen und für die Entwicklung der grossen monotheistischen Weltreligionen verantwortlich. Aristoteles, Dante, Kant, die alten Ägypter und das Hubble-Periskop mahnten uns, weniger Licht in den Abendhimmel zu senden. Lichtverschmutzung ist schlecht, unnötig, energie- und geldverschwendend, zugvogelmordend, kurz, eine schlimme Sache.
Doch kramen wir einmal in der dunklen Erinnerung: Im Sommer 1999 machten sich die gemeinderätlichen Kommissionen für Stadtentwicklung und Verkehr auf eine dieser nutzlosen, dafür aber teuren Reisen. Ziel war die französische Stadt Lyon. Die einstimmig begeisterten Kommissionäre – inklusive SVP Abordnung – hatten eine Idee mitgebracht, die Folgen haben sollte: "Plan Lumière" hiess das Zauberwort. In Rekordtempo wurde eine Vorlage durch den Rat gepeitscht, die ausser in der SVP Fraktion keine Opposition fand. Im Jahr 2004 legte der Stadtrat ein Konzept vor, der Gemeinderat bewilligte 8 Mio. Franken, wovon inzwischen Hunderttausende zur Beleuchtung des Stadtbildes ausgegeben wurden. Nur ausnahmsweise drang etwas an die Öffentlichkeit. Debattiert wurde, ob die Neonröhren an der Rudolf Brun-Brücke zu grell oder zu kalt seien; die seltsamen Lichter-Blümchen am Bahnhof Hardbrücke kosteten 150'000 Franken, gewannen einen Preis und geben kaum Licht.
Was uns das lehrt? 1. Gemeinderätliche Studienreisen sind abzuschaffen. 2. In Lyon brannten die Vorstädte trotz Plan Lumière. 3. Heute kritisiert sogar der Tages-Anzeiger die Lichtverschmutzung. Schade nur, dass sich vor die kritischen Augen des Journalisten dichter Andromeda-Nebel gelegt hat. Ein Griff ins Archiv der eigenen Zeitung hätte Elogien über den Plan Lumière und Schmähworte über die geizigen Banausen der SVP zutage gefördert, die sich damals gegen die Einführung dieses touristisch und architektonisch ach so hochwertigen Projekts stellten. "Zwei Dinge [erfüllen das Gemüt,] der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir", soll Kant gemäss Tagi gelehrt haben. Zum Glück ist Vergesslichkeit nicht unmoralisch!
Rolf. A. Siegenthaler
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