Es sind die jährlich wiederkehrenden Ereignisse, die unser Leben strukturieren, uns Sicherheit und Halt geben. Weihnacht, Ostern, Pfingsten als christliche Feiertage, Sechseläuten, Knabenschiessen und der Zirkus Knie als zürcherische Fixpunkte, der Wechsel im Präsidium von Kantons- und Gemeinde- und Regierungsrat als politische Ereignisse und selbstverständlich der erste Mai als Feiertag der Arbeiter. Im Schmuck des roten Festbändels geben die Gewerkschafter den ausbeutenden Kapitalisten zu verstehen, dass die Produktionsmittel den Proletarierkomitees übergeben werden müssen, um die Gleichheit aller Arbeiter zu erreichen. In der internationalen Verbundenheit des weltweiten Proletariats liegt die Kraft der linken Bewegung. Der Bürgermeister einer vom Illisu-Staudammprojekt betroffenen Gemeinde durfte der Zürcher Arbeiterschaft erzählen, wie der kapitalistische Imperialismus der ABB vereint mit der Exportrisikogarantie des Bundes die Lebensgrundlage der türkischen Unterschicht verderben. Die internationale Verbundenheit drückte sich auch beim Umzug aus. UCK vor PKK und noch ein paar völlig Verwirrte, die auf ihren linken Devotionalien-Postern Abbildungen des grossen Vorsitzenden Mao und Brüderchen Stalins darboten. Verweilen wir also noch ein wenig bei diesem sinnreichen Brauch des Maifestes. 10'000 Gläubige, pardon Proletarier, sollen der zündenden Rede des neuen SPS Präsidenten gelauscht haben, während die Angehörigen von Stadt- und Kantonspolizei in der Kampfmontour schwitzten. Doch freuen wir uns, denn die Sachbeschädigungen waren weniger schlimm als im Vorjahr. Die Trennung von Umzug mit Schlusskundgebung und dem eigentlichen Fest auf dem Kasernenareal soll zur Beruhigung beigetragen haben. Um 260 Verhaftungen, Verletzte, brennende Container und Autos sind die Fakten eines vergleichsweise friedlichen 1. Mais in Zürich. Die BMW's brannten diesmal nicht bei Binelli & Ehrsam, sondern vor der Titan Garage. Binelli & Ehrsam hatten die Hell's Angels zu einem Garagenfest eingeladen, weshalb die Chaoten anderweitig politisch aktiv waren. Das ist eben der Humor des Kapitals. Wie viel schöner ist da der Maienzug, wo die letzte in der Schweiz real existierende Zelle der roten Falken mit ihren roten Wimpeln und T-Shirts mitmarschierte. Schön, dass auch die Jüngsten das friedliche Zusammenleben der Völker üben können – politisch neutral, versteht sich. Schon bald dürfen sie bei ihren Brüdern und Schwestern im Revolutionären Aufbau mitmachen, wenn sie mögen. Es sind die wiederkehrenden Feste, die uns Sinn und Halt geben. Der traditionelle Anblick des in den kommunistischen Farben rot und schwarz versauten, barocken Rathauses ist jährlicher Ausdruck für die "Kraft" des Sozialismus. Es gibt keinen Grund, ein dekadentes Ritual wie den ersten Mai zu erhalten.
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