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04.02.2009: zürich – transit – maritim
Seit die Kunst aufgehört hat, einfach das Schöne an sich darzustellen, hat sie mitunter den Zweck, zum Nachdenken anzuregen, indem sie gewohnte Gegenstände in ungewohnte Beziehungen zueinander setzt. Einst studierte das Bildungsbürgertum eifrig alte Griechen, Römer, Bibel sowie alle greifbaren alten Meister der bildenden und darstellenden Künste. Die Künstler zitierten fleissig aus diesen Quellen. Früher war die Kunst eben an einen kulturellen Hintergrund gebunden. Heute genügt es, ein "Enfant terrible" zu sein, um "verhockte Strukturen in Bewegung zu bringen". So wird jedenfalls Jan Morgenthaler im Tages-Anzeiger vom 31.01.09 zitiert. Das Projekt "zürich-transit-maritim" soll […] "Verunsicherung auslösen". Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht – mich jedenfalls verunsichert das Ding nicht wirklich. Ich finde es schlicht blöd. Insbesondere die Interpretation von Herrn Professor Schenker der Zürcher Hochschule der Künste erscheint mir ziemlich naiv: "Der Hafenkran als Instrument des Welthandels macht sichtbar, wie Zürich über die Finanzströme global vernetzt ist." Naiv ist diese Interpretation deshalb, weil sie nur eine, allenfalls die erste Interpretationsebene kratzt. Der Denkprozess wird durch den Anblick des Kunstwerks ausgelöst, "was ist denn das? Was soll das? Gefällt es mir oder nicht?" und dann beginnt man zu interpretieren. Aber, machen wir's mal wie früher, greifen wir zurück auf unseren kulturellen Hintergrund. Wenn der Künstler schon ein Enfant terrible ist, wollen wir ihm französisch entgegenkommen. In Frankreich standen früher viele dieser Krane in den Häfen. Heute rosten sie und sind billig zu haben – Welthandel grüsst. Der Kran heisst französisch "la grue" [gry]. Ursprung des Begriffs ist aber der Kranich, der unter anderem im Wappen des Greyerzerlandes, "La Gruyère" vorkommt. Der Kranich mit langem Hals und langen Beinen, zieht oft eines ein, um es zu schonen. Die Ähnlichkeit mit dem Kran hat diesem den Namen gegeben. Aber auch Menschen ziehen ein Bein an, wenn sie lange stehen. Drum heisst langes Warten "faire le pied de grue" und weil es in den Hochseehäfen viele Damen gibt, die dergestalt ihrer Freier harren, heisst das gleiche Wort "la grue" auch "fig. pej. Hure f" (immer nach Langenscheidt). Wir sollen also für 600'000 Franken eine stählerne Hure ans Limmatquai stellen? Wie lustig – und zürcherisch! Schon in Turicum lag am Weinplatz der römische Hafen, dahinter das "Badeviertel" – es stimmt auch bei uns! Nachdenklich macht mich besonders der blöde Reflex der heutigen "Bildungsbürger", jede abwegige Idee kritiklos "spannend" zu finden. Übrigens heisst das Verb "gruger" übers Ohr hauen; ausbeuten. Minimale Bildung könnte der Kultur nicht schaden. Hätten wir das Frühfranzösisch doch behalten sollen; von wegen "zürich-transit-maritim"Zurück
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